Die Berner Bären sind angeschossen – den entfesselten Werner Schlegel können auch sie nicht stoppen


Die Berner Schwingerfreunde hatten wohl eine böse Vorahnung. Schon vor Beginn des Eidgenössischen in Mollis hatten sie sich über die Spitzenpaarungen des Chefeinteilers Stefan Strebel beklagt, ja Könige aus ihren Reihen äusserten sogar öffentlich Kritik.
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Den Anstoss gab, dass dem Berner Youngster Michael Moser für den 1. Gang ausgerechnet der einzige noch aktive König Joel Wicki zugewiesen wurde. Weil Moser noch nie den eidgenössischen Kranz gewonnen hat, dachten Insider, diese Konstellation treffe nicht ein, es gibt ein entsprechendes ungeschriebenes Gesetz.
Doch der Einteiler Strebel scherte sich schon immer wenig um Konventionen. Er liebt es, Staub aufzuwirbeln und Gesprächsstoff zu provozieren. Strebel war einer der wenigen in der Szene, die dafür plädierten, den Videoschiedsrichter im Schwingen zu testen. Als Fussballfan begeisterte ihn der exzentrische und eigenwillige Zlatan Ibrahimovic, dem das Zitat zugeschrieben wird: «Du glaubst an Jesus, dann glaubst du auch an Zlatan.»
Also hielt Strebel wenig von einer Art Welpenschutz für Moser, trotz der Befürchtungen, dass das Schwingjuwel verheizt werden könnte. Einige taxierten die Einteilung mit Wicki gar als unfair. Und Moser hatte gegen den König aus dem Entlebuch tatsächlich keinen Stich.
Wicki machte deutlich, dass er sich nicht so einfach vom Thron stossen lässt. Er zeigte nach dem Startsieg in Richtung der Innerschweizer Tribüne die geballte Faust, was für die Berner nochmals ein Stich ins Herz gewesen sein muss. Denn Wicki geniesst im Konkurrenzverband wenig Sympathien, was er an dortigen Schwingfesten schon zu spüren bekommen hat. Er hatte 2022 verhindert, dass zum fünften Mal in Serie ein Berner König wurde.
Der Boulevardjournalist Klaus Zaugg sagte jüngst im Podcast «Tribünengeflüster», im Bernbiet hätten sie zwar Respekt vor Wickis Ehrgeiz, aber beliebt sei er bei ihnen nicht, dazu fehle es ihm an Charisma. Zaugg verglich ihn mit dem früheren Ski-Weltmeister Peter Müller, einem nationalen Sportstar, der viele Herzen im Land nicht berührte.
Die Berner könnten die Sache ein wenig entspannter sehen. Sie sind immer noch jener Teilverband mit den meisten Königstiteln, 27 an der Zahl. Im Vergleich dazu wirken die 2 Titel der Innerschweizer geradezu lächerlich, zumal sie den grössten Teilverband stellen.
Kann Schlegel die Emotionen richtig kanalisieren?Aber das Leiden am Samstag in Mollis sollte noch grösser werden – und Michael Moser blieb die glücklose Figur. Am Ende des Tages hätte er beinahe den Titanen Samuel Giger gestürzt, für manche hatte er ihn auf dem Rücken, Moser rechnete offenbar selber mit dem Triumph, er blickte bereits erwartungsfroh zum Kampfrichter. Doch dieser sprach ihm den Sieg nicht zu. Der Videoschiedsrichter hätte wohl pro Moser entschieden.
Bitter aus Berner Sicht: Kurz vorher hatte es in einem anderen Top-Duell mit einem Nordostschweizer eine ähnliche Situation gegeben, bei der die Kampfrichter ihrem grösster Hoffnungsträger Fabian Staudenmann eine Niederlage zusprachen. Er unterlag gut zehn Sekunden vor Ablauf der Kampfzeit dem entfesselten Werner Schlegel.
Staudenmann ist überraschenderweise bei Halbzeit so gut wie aus dem Rennen im Kampf um die Königskrone. Dass dafür seinem Verbandskollegen Fritz Ramseier mit Zwischenrang 2 eine Sensation gelang, dürfte für die Berner ein schwacher Trost sein; er dürfte sich am Sonntag kaum so weit vorne in der Rangliste halten können. Die Berner Bären sind angeschossen.
Der eigentliche Mann des Tages war Schlegel. Der 22-jährige Toggenburger setzte sich an die Spitze, mit komfortablem Vorsprung auf die weiteren Topfavoriten. Das überrascht nicht. Von ihm weiss man: Kommt er in Schwung, ist er kaum zu stoppen. Wenn er seine Emotionen nun richtig kanalisiert, gilt er als der aussichtsreichste Anwärter auf den Schlussgang. Er wäre der erste Nordostschweizer König seit 2007 und Jörg Abderhalden, der wie Schlegel im Schwingklub Wattwil ausgebildet wurde.
Weshalb es ein Fragezeichen gibt: Schlegel fiel in der Vergangenheit dadurch auf, dass er sich während eines Fests derart für seinen Verband engagierte, dass ihm Energie zu fehlen schien, wenn es um die Wurst ging. Wenn er nicht schwang, feuerte er am Sägemehlrand Teamkollegen an, als wäre er ihr Betreuer, anstatt seine Ressourcen zu schonen. Er gilt als Alphatier, der andere mitreissen will.
Aber es hatte auch damit zu tun, dass es bei den Nordostschweizern phasenweise ums Coaching nicht zum Besten bestellt war. Am letzten Eidgenössischen in Pratteln, wo der Verband eine schwere Niederlage erlitten hat, soll es diesbezüglich Defizite gegeben haben. Einer, der dabei war, erzählte, wie sie in einem alten Kasten mit maroden sanitären Anlagen genächtigt hätten, während die Berner im Vergleich dazu in einem Wellnesshotel untergebracht gewesen seien.
Offenbar wurden daraus Lehren gezogen. Als Gastgeber haben es die Nordostschweizer in Mollis auch etwas einfacher. Nicht davon profitieren konnte jedoch ihr höchster Trumpf Samuel Giger, trotz Hörnlisalat am Mittag. Er wirkte einmal mehr an einem Eidgenössischen gehemmt, und es ist wahrscheinlich, dass auch dieser regelmässige Favorit weiterhin ohne Königstitel bleiben wird.
Positives Fazit trotz Wildpinklern und protestierenden TierschützernAus organisatorischer Sicht ist festzuhalten, dass sich ein paar Befürchtungen nicht erfüllt haben. Manche sorgten sich, der Kanton Glarus, der weniger Einwohner hat, als in der Schwingarena Platz haben, könnte mit dem Grossanlass überfordert sein. Doch Vieles lief reibungsloser ab als erwartet. Die Verkehrsüberlastung hielt sich im Rahmen. Jedoch teilte die Polizei mit, dass es in der Nähe des Festgeländes an den Zuggeleisen einen tödlichen Unfall gegeben habe. Dass Tierschützer dagegen protestierten, dass die Lebendpreise in der Arena vorgeführt werden, blieb eher eine Randnotiz. Und Wildpinkler sind am Eidgenössischen zur Normalität geworden.
Der OK-Präsident Jakob Kamm, ein hemdsärmliger Typ, der gerne einmal eine Krumme raucht, war am Samstagabend erleichtert, dass es überwiegend positive Aspekte gab. Er hatte 15 Jahre lang auf dieses Fest hingearbeitet und es immer mit den Worten verteidigt, man dürfe einmal im Leben versuchen, etwas Verrücktes auf die Beine zu stellen.
Ein wenig mitgeholfen haben dürfte auch der «älteste Glarner», der Föhn. Das Wetter war weniger schlecht als ehedem angenommen. An anderen Eidgenössischen hatten sich die Schwinger in Milchtanks, die mit eiskaltem Wasser gefüllt waren, abkühlen müssen, das war diesmal kaum nötig. Am Sonntag soll es in Mollis sogar fast schon sommerlich werden. Man könnte fast schon ein Wettheuen veranstalten, wie es das anfangs des 20. Jahrhunderts an den Eidgenössischen Schwingfesten noch gegeben hatte.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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